Rache wird am besten kalt serviert

Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Welt: Amerika hat seinen Staatsfeind Nummer 1 mit einem Schuss in den Kopf hingerichtet. Amerikaner feiern diesen Triumph, feiern sich selbst und feiern ihr Verständnis von einer freien Welt. Und der Rest der Welt feiert mit. Doch was feiern wir hier eigentlich?
Unermüdlich postulieren wir in der Welt unser Verständnis von Menschenrechten, erzählen jedem der es hören will, aber vor allem denjenigen, die es nicht hören wollen von demokratischer Freiheit, Meinungsfreiheit und einem funktionierenden, unantastbaren und ‘blinden’ Rechtssystem. Wir nennen uns fortschrittlich und intelligent, aufgeklärt und tolerant.
Aber mit einem Schuss haben wir all das zu Grabe getragen…
Amerika spielt gerne Weltpolizei, mimt den Hüter von Recht und Glauben und zieht hinaus in einen pakistanischen Wohnort, um bittere Rache zu üben. Sicher an einem Mann, der Unzähligen Tod, Leid und Schmerzen gebracht hat, unermesslichen Horror, Zerstörung und Gewalt. Aber gerade an diesem Punkt hätte eine Zivilisation die Möglichkeit gehabt, zu zeigen, wie rechtschaffen und aufrichtig sie zu ihren eigenen formulierten Werten steht, wieviel Zivilisation sie ist. Es bedarf dabei nicht der christlichen Fehleinschätzung, man müsse auch ‘die andere Wange hinhalten’. Natürlich muss der Gerechtigkeit genüge getan werden, aber bitte auf der Grundlage der Werte, für die die westliche Zivilisation steht. Soll heißen, dass es keine Alternative zu einem Prozess vor einem Gericht geben kann. Die Amerikaner rechtfertigen die Erschießung Osamas damit, dass der Einsatz technisch nicht anders durchführbar war. Aber ob man ihn nun erschießt und seine Leiche ausfliegt oder ihn – zumal unbewaffnet – kampfunfähig macht und ihn lebendig ausfliegt, lässt die Frage aufkommen, was man tun konnte und was man tun wollte…
Die Grundlage für diese WildWest-Aktion der Amerikaner war nichts weiter als blinde naive Rache. Ein kurzer ‘Sieg’, der mit seiner Freisetzung von Adrenalin und Endorphin kurzfristig so etwas wie Genugtuung vorgaukelt. Doch dieser Zustand wird nicht anhalten.
Das ganze lässt einen an den Kindergarten zurück denken: Er hat mir ein Bein gestellt, nun habe ich ihm ein Bein gestellt. Doch wenn ich mich mit einem Rüpel auf einen Kampf einlasse, wird er nur das Ziel verfolgen, mir zu zeigen, dass er der Stärkere ist….
Bisher hat eine westliche, von christlichen Werten geprägte Welt gegen radikalislamistiche Fanatiker und Mörder gekämpft. Nun haben uns die Amerikaner und ihre bzw. die weltweiten Jubelrufe auf eine Stufe mit den Terroristen gebracht. Mörder* gegen Mörder, Auge um Auge, Zahn um Zahn… wie kann das wohl enden?

*Eine tragende Säule westlicher Moralvorstellung ist die Unantastbarkeit des Lebens. Nichts und niemand gibt jemandem das Recht, ein anderes Leben auszulöschen. Tut man es doch, stellt sich die Frage nach dem Motiv und nach dem Vorsatz. Das Motiv bei der Tötung Osama Bin Ladens ist eindeutig: Vergeltung für den Terror. Betrachtet man die Frage, ‘was man tun konnte und was man tun wollte’, bekommt das Thema Vorsatz plötzlich eine Dimension…
Was also ist Amerika und wir, die ihm Beifall klatschen dann eigentlich….
“Wie viele Menschen muss man töten, damit aus Recht Unrecht wird? Einer? Hundert? Tausend?” (Star Trek ‘Der Aufstand’ ,Captain Jean Luc Picard)

Michel Ruwisch (All Rights reserved)

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3 Antworten zu Rache wird am besten kalt serviert

  1. Ausdrücker schreibt:

    tröstend ist:
    Es wird (auch in den USA) weniger gefeiert als es durch den Pressespiegel den Eindruck erweckt.

    erschreckend ist:
    Die augewählte reißerische Berichterstattung der Journaille erweckt den Eindruck, dass das rachegelüstige Feiern weitaus üblicher ist, als es tatsächlich ist.

    Fakt ist:
    Die Amerikaner haben wiedermals eine Chance vertan und die Claqeure lassen ebenso wiederholt nicht auf sich warten.

  2. Weltbürger42 schreibt:

    Die breite Meinung treffend auf den Punkt gebracht. Die Ambivalenz, die man zu diesem Racheakt empfindet, wurde sehr gut beschrieben. Wo ist der Grundgedanke des Völkerrechts zu finden, wenn man einfach jemand ´beseitigt´? Ist es nachvollziehbar, jemanden ´beseitigen´zu wollen, der so unendviel Leid gebracht hat? Emotional ja… aber worauf stützt sich dann unser westliches Recht, wenn man diese Emotionen auslebt? Obama hat zwar “nur” den zweiten Stein geworfen, ich hoffe, er verträgt das Echo und ist sich einer gewißen Naivität bewußt.

  3. Kritiker schreibt:

    Sehr gut geschrieben, der Autor ist auf jeden Fall sehr clever. Diese etwas platte Freude über Osamas Tod ist schon etwas fragwürdig, aber in der brutalen Welt des Terrorismus ging es vielleicht nicht anders? Hätten die den in den Knast verfrachtet, hätte es vielleicht zahlreiche Anschläge und Erpressungsversuche gegeben. Interessant wäre herauszufinden, welche Rolle er tatsächlich noch gespielt hat?

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